Alle Jahre wieder wird dieses Thema von SPIEGEL und ZEIT erneut "aufgekocht", doch dieses Mal erhält es besondere Brisanz. Kinder mit Behinderung sollen lt. UN-Konvention an Regelschulen unterrichtet werden - Deutschland hat sie inzwischen ratifiziert.
"Am Ende des Sonderwegs" (DIE ZEIT, 23.12.200acht) - ein armseliger Artikel! Ist SchülerInnen denn damit geholfen, wenn alle den gleichen Stoff vermittelt bekommen? Kinder mit anderen Begabungen, anderen Neigungen müssen andere Möglichkeiten zur Bildung erhalten. Förderschulen stellen eine solche Möglichkeit dar, Kinder mit Behinderungen behindertengerecht zu unterrichten. Wer SchülerInnen mit Behinderungen in Förderschulen als grundsätzlich abgeschoben betrachtet, sollte es doch wagen, dort mal für mindestens eine Woche zu hospitieren, um wenigstens einen kleinen Einblick in die Arbeit zu erhalten. Dass unser gängiges Schulsystem nicht das beste ist - na ja, aber ein System, das Kinder, die anders sind, gezielt fördert und ihnen hilft, in der Gesellschaft klar zu kommen, so eines zu verändern, ist doch Unsinn in höchster Potenz.
Auch stimmt es nicht, dass es "in weiten Teilen der Welt ... selbstverständlich" ist, dass Kinder mit Behinderung in Regelschulen unterrichtet werden. Ich lernte viele Schulen und Schulformen in allen Erdteilen der Welt (Australien noch nicht!) kennen, doch gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung stellt keinesfalls "in weiten Teilen der Welt" die Regel dar. Italien allerdings schaffte die Sonder(Förder)schulen tatsächlich bereits vor langer Zeit ab. Der Autor des ZEIT-Artikels beruft sich zur Untermauerung seiner Thesen zusätzlich auf die Existenz von ".. integrative(n) Eliteschulen, die lange Wartelisten führen und sich ihre nichtbehinderten Schüler aussuchen können". Und was geschieht mit blinden Kindern? Was mit den tauben Kindern? Und was erst recht mit den geistig- und schwerstmehrfachbehinderten Kindern? Was ist mit denen, für die unbestritten einfach andere und vor allem komplett anders zu vermittelnde Bildungsinhalte erforderlich sind?
Fest steht, dass es durchaus Probleme mit sich bringt, wenn Kinder mit Behinderung umfangreicher Betreuung während des Unterrichtes bedürfen oder sich aufgrund ihrer Behinderung durch laute Geräusche bemerkbar machen. Das würde das Lernklima in einer Regelschule ohne Zweifel belasten. Ich frage mich, welche Förderschulen der im Artikel zitierte Hans Wocken (Uni Hamburg) aufsuchte, um festzustellen "... doch in Sondeschulen herrscht eine regelrechte Friedhofsruhe."? Dass allerdings Querschnittsgelähmte, die nur körperlich behindert sind, eine Regelschule besuchen, ist auch in Deutschland weitestgehend übliche Praxis.
Und die Kinder ohne Behinderung? Wo bleiben die bei all den Überlegungen in Sachen integrativen Unterrichtes? Sie klagen teilweise über Kopf- und Bauchschmerzen, gehen nicht gern zur Schule, sind teilweise bedrückt und unglücklich, weil sie vom Lernen abgelenkt werden und nicht die ihnen vom Lehrplan abverlangten Leistungen zu erbringen vermögen. Sogar Kinder, die zuvor integrative Kindertageseinrichtungen besuchten - ohne Bauchschmerzen!
Ist das vielleicht "Die unverdünnte Hölle" (SPIEGEL, 5.1.2009)? Sicherlich unbestritten ist, dass die Integration von Menschen mit Behinderung in unsere Gesellschaft noch lange nicht das Optimum erreicht hat, jetzt aber den Förderschulen und den dort tätigen Lehrkräften die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, die ja offenbar sowieso nichts anderes machen als "Topfschlagen", entbehrt jeglicher Grundlage. Dabei fördert Topfschlagen ein Spiel mit stark auditivem Charakter, das u.a. motorische und psychische Reaktionen besonders bei Mehrfachbehinderten und Rollstuhlfahrern hervorruft.
Wie die Autorin in ihrem Artikel Meinungsmache hinsichtlich der Qualität des Unterrichtes an Förderschulen betreibt, ist absolut undifferenziert und einfach nur lächerlich. Auch mir ist bekannt, dass es auch an Förderschulen Dinge gibt, die grundlegend falsch liefen, laufen oder so nicht passieren dürfen. Mir geht es allerdings darum, dass dieser Artikel einfach nur schlecht recherchiert ist, von (sicherlich bedauerlichen) Einzelschicksalen handelt und den schulischen Alltag an Förderschulen so darstellt, als ob da inhaltlich gar nichts passieren würde. Mit einem derartigen Artikel, der zudem sehr einseitig formuliert ist, erreicht die Autorin des SPIEGEL-Atikels keine Veränderung - nichts, außer dass die Öffentlichkeit ein negatives Bild über SonderschullehrerInnen erhält.
Integrations-Experten wie Georg Feuser ( vorm. Uni Bremen) und Hans Eberwein (vorm. FU Berlin) forderten bereits in den 1970er Jahren im Zuge der italienischen Anti-Psychiatrie-Bewegung die Integration aller Kinder und Jugendlichen mit einer Behinderung in die Regelschulen. Als junge, von der Idee begeisterte Studentin stellte ich mir allerdings schon damals die Frage, wie diese Idee in die Praxis umgesetzt werden könnte und welche Probleme dies mit sich bringen würde. Integrativer Untericht an der Regelschule oder Unterricht an der damals noch Sonderschule genannten Förderschule? Und wie könnte integrativer Unterricht für alle Kinder mit einer Behinderung, egal welcher Art, realisiert werden, ohne das gegebenenfalls Benachteiligungen entstehen? Oder ob schulische Integration nicht doch unbewusst zwischen integrationsfähig und integrationsunfähig selektiert? Fragen, die offenbar auch nach 38 Jahren noch nicht ausreichend geklärt sind.
Grundsätzlich freue ich mich darüber, dass in Deutschland jedes Kind das Recht auf Schule und individuelle Förderung besitzt, doch ich glaube auch, dass es sehr viele SchülerInnen gibt, für welche die Förderschule der weit bessere Förderort ist. Außerdem darf Integration nicht erst mit der Einschulung in eine Regelschule beginnen und bereits nach dem 4. Schuljahr wieder enden. Kinder mit den verschiedensten Einschränkungen müssen vom Tag ihrer Geburt zur Gemeinschaft aller Kinder gehören - und dann ist es egal, ob sie eine Regel- oder eine Förderschule besuchen. Wir brauchen keine Schuldzuweisungen, sondern gemeinsame Lösungen, benötigen RegellehrerInnen und SonderpädagogInnen, die zusammen arbeiten: Jeder gibt sein Wissen dazu und als Team könnte es vielleicht gelingen, dass Regelschulen besondere Kinder fördern können und umgekehrt Förderschulen RegelschülerInnen aufnehmen. Wie schön wäre es, wenn Kinder mit und ohne Behinderung den gleichen Schulhof, die gleiche Pauenhalle benutzen würden, miteinander kommunizierten - wie auch immer - und wirklichen Umgang miteinander pflegten, statt Pseudointegration zu leben.